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Entry #9: 07.02.2022

Der Künstliche Mensch  

Ein Medium des Körpers, der Zeitlosigkeit, der Selbstreflektion, der Transzendenz
Sven Bloes

Johann Remmelin - A Survey of the Microcosme or the Anatomie of the Bodies of Man and Woman wherein the Skin, Veins, Nerves, Muscles, Bones, Sinews and Ligaments Thereof are Accurately Delineated, and so Disposed by Pasting, as that Each Part of the Said Bodies Both Inward and Outward are Exactly Represented. Useful for all Doctors, Chyrurgeons, Statuaries, Painters, &c. ©MET Museum Open Access

Seit jeher hegt der Mensch eine besonders intensive Faszination für künstliche Ebenbilder seiner selbst. Die Begrifflichkeit „künstlicher Mensch“ beschreibt generell ein menschenähnliches Konstrukt, das nicht durch den biologischen Reproduktionsvorgang entstanden ist, sondern durch einen technischen Vorgang handwerklich erbaut oder durch einen kognitiven Schaffensprozess sinnlich erdacht wurde. [1] Einerseits bietet sich der künstliche Mensch in dem heutigen Zeitalter des Transhumanismus, der allgegenwärtigen Robotik, Kybernetik, Künstlichen Intelligenz und künstlichen Befruchtung als technische, alltägliche Unterstützung für seinen Entwerfer und seinen Nutzer an. Andererseits gibt die Auseinandersetzung mit künstlichen Menschen dem organischen Menschen die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu befassen und die eigene Spezies besser zu verstehen, sei es auf existenziell-philosophischer, theologischer, kultureller, ästhetisch-künstlerischer oder emotionaler Ebene. Schließlich kann auch die schlichte Intention hinzugefügt werden, die durchaus humane Langweile zu ersticken und sich selbst Unterhaltung zu schenken.

Beispiele von künstlichen Menschen lassen sich in jeglichen Ausfächerungen der Kunst finden. Literarisch sind sie von der Antike an in Texten, wie Ovids Pygmalion und in einer nicht geringen Anzahl von griechischen Mythen vertreten, späterhin werden sie in der jüdischen Sage des Golem und nicht zuletzt im Ersten Buch Mose bei der Entstehung des Menschengeschlechts als künstlichen Schaffensvorgang thematisiert. Texte aus späteren Epochen machen spielerisch auf die Beziehungen zwischen Menschen und ihren künstlichen Genossen, wie Puppen, Marionetten und Automaten aufmerksam, so wie die Liebesbeziehung zwischen Mensch und Automate in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, die Vater-Sohn Beziehung in Carlo Collodis „Pinocchio“, die Auseinandersetzung zwischen Schöpfer und Schöpfung in Mary Shelleys „Frankenstein“ oder etliche von Isaac Asimovs Erzählungen, in denen künstliche Figuren beginnen, menschliche Züge, wie zb. ein Bewusstsein und persönliche Wünsche, zu entwickeln. In der Filmkunst werden Roboter, Androiden und Cyborgs auf den Leinwänden verewigt, sie lassen sich vor allem in utopischen, bzw. dystopischen Szenarien der Science-Fiction auffinden, beispielsweise in Ridley Scotts „Blade Runner“, George Lucas‘ „Star Wars“ oder Lana und Lilly Wachowskis „Matrix“. Aus den plastischen Künsten können Büsten und Skulpturen, wie Michelangelos David oder die Laokoon-Gruppe und zeitlich frühere Anfertigungen von archaischen Gottheiten mit menschlich-physiognomischen Merkmalen exemplifiziert werden. Weiterhin sorgte eine Reihe von technischen Weiterentwicklungen in der Uhrmacherhandwerkskunst im 17. und 18. Jahrhundert für die Herstellung von mechanischen anthropomorphen Modellen, die für die damalige Zeit mit verblüffenden Fähigkeiten glänzten, wie beispielsweise das bewegliche Androiden-Trio von Pierre Jacquet-Droz, bestehend aus einem Schreiber, einem Zeichner und einer Orgelspielerin.

Führung durch die Menschenfabrik. Im Assemblarium. Der Direktor und der Besucher betreten den in zwielichtigen Umrissen gehaltenen Raum. Es liegen Schatten verstreut herum, auf Tischen und in den Ecken. Gliedmaßen. An einem länglichen Tisch bleibt der Besucher stehen. Ein Körper liegt hier, in Metallschleifen eingefasst.

„Aus welchem Grund wird dieser Androide hier festgehalten?“

„Er ist gefährlich. Die Programmierung schlug fehl. Es übertrug sich auf die Materie. Unkontrollierbar.“

„Es erscheint mir schleierhaft. Wie dieses Wesen dort liegen kann und keine Äußerung von sich gibt. Und doch muss dies wohl sinnvoll sein. Wodurch wurde sein Fehler erkannt?“

"Es begann, Gefühle zu zeigen."

Dort, wo der Mensch und die Maschine an der Gabelung der Dichotomie den Hut verabschiedend voreinander ziehen, werden vor allem zwei Unterschiede erkennbar; der erste scheint offenkundig – die Maschine besteht aus kaltem, leblosem Material, der Mensch hingegen aus einem pulsierenden, biologischen Organismus. Dieser rein physische Unterschied verweist primär auf die Grenzen des natürlichen Menschendaseins und gleichermaßen auf die Ersetzbarkeit des künstlich angefertigten Maschinenkorpus. Erscheint eine performantere Maschine auf dem Markt, so wird die alte ersetzt, ist ein Maschinenteil beschädigt, so wird es mit Einfachheit durch ein neues ausgetauscht. Auch der zellulare Körper kennt Ersatzteile, ob künstliche oder organische, die operativ ausgetauscht werden. Dieser Prozess unterliegt jedoch viel strengeren Grenzen als bei der Maschine, da er sich an die Unersetzbarkeit des individuellen Menschenlebens und an das Verbindlichkeitsgefühl der Angehörigen knüpft. Für den organischen Menschen gelten künstliche Ergänzungen allgemein als unterstützende Hilfsmittel, sozusagen als Updates, die seine Fähigkeiten verbessern oder überragen können. Jegliche solcher Ergänzungen können Prothesen genannt werden. Folgendermaßen wird beispielsweise das Automobil zu einer Prothese für den menschlichen Fortbewegungsprozess. Auch distanz- und zeitspannenreduzierende Kommunikationsmittel, wie Sozialnetzwerke oder Mobiltelefone können als Extensionen von menschlichen Gedankenvernetzungen gedacht werden. Das Stichwort für physische und intellektuelle Erweiterungen jener Arten lautet Transhumanismus.
Der zweite Unterschied zwischen dem Menschen und der Maschine besteht aus einer für jede Maschine (bis dato) unmöglich nachzuäffenden humanen Fähigkeit, nämlich aus der Produktion von Gefühlen. Es liegt nahe, die Entstehung von Gefühlen auf ihre chemischen Vorgänge zu reduzieren, in diesem Fall würden Gefühle theoretisch auch in Maschinenkörpern umsetzbar sein. Es fehlt jedoch eine bedeutende Komponente: die handlungsbeeinflussenden kognitiven Prozesse, die durch Gefühle evoziert werden. Jene Prozesse können durch emotionelle Regungen veranschaulicht werden, wie durch das Empfinden von Schmerz und/oder Freude oder das Ausführen von impulsiven Handlungen. Für eine programmierte Maschine sind diese kognitiven Prozesse vorerst nicht nachvollziehbar, aus dem Grund, dass ihre Aktionen auf rein logischen Schlüssen und auf den im Voraus getroffenen Einstellungen der Techniker basieren. Die Frage, inwiefern eine Maschine ein Bewusstsein erlangen könnte, bleibt weiterhin offen, zumal das Bewusstsein als Forschungskonzept noch konkreteren Erkenntnissen bedarf.

Im Assimilarium. Auf den Leinwänden rundherum zucken bewegte Bilder von Theatervorstellungen, Konzerten, Tanzveranstaltungen, religiösen Kreisen. Der Direktor wird gerufen und geht ab. Der Verrückte übernimmt die Führung.

„Das Leben ist die Wahrheit, darüber hinaus müssen wir die Wirklichkeit in Frage stellen. Nicht jeder Mensch wird sich Klarheit darüber verschaffen können, dass er ein Hybridwesen ist, doch hoffentlich kann ich dir einen Vorgeschmack für diese schmerzliche Introspektion bieten. Irgendwo zwischen den beiden Toten steht der Mensch: zwischen dem absoluten Narren und der absoluten Maschine. Beide existieren über das Leben hinweg, haben den Tod bezwungen und wurden ein Teil von ihm, wurden zu ihm selbst. Doch beide stehen so weit voneinander entfernt, dass sie die Existenz des jeweiligen anderen überhaupt nicht erst bemerken. Verschmelzen müsste man sie miteinander! Rate mal, was daraus entstehen würde.
Genau, der lebendige Mensch. Der einzige, den es gibt.“


Über die reine Physis hinaus handelt es sich bei dem künstlichen Menschen um eine Figuration der Träume und Wünsche des lebendigen Menschen, mit anderen Worten, es handelt sich um ein in die materielle Welt transponiertes Element metaphysischen Ursprungs. Ein Feld, in dem der künstliche Mensch besondere Anerkennung genießt, ist der Tod.

In der Kunstepoche des Barock, im 17. Jh., entwickelte sich ein hohes Interesse daran, totem, unbeseeltem Material Leben einzuhauchen. Anhand des Begriffs „Vanitas“ (aus dem Latein übersetzt: Schein, Eitelkeit) wird die Nichtigkeit des menschlichen Lebens gegenüber der Allmacht des Todes und der Entzug der Gewalt des Menschen über sein eigenes Leben skizziert. Weitere zentrale Leitmotive, wie „Carpe diem“ (Pflücke den Tag) und „Memento mori“ (Erinnere dich an deine Sterblichkeit) unterstützen die Prämisse, das Leben zu schätzen, da es eines Tages von der Vergänglichkeit, also vom Tod, eingeholt werden wird.

Im 18. Jahrhundert, in der Epoche der Aufklärung, verbreitete der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie seine radikalen Ansichten in der Abhandlung „L'Homme machine“. [3] Darin präsentiert er den Menschen mitsamt seinen körperlichen und kognitiven Fähigkeiten als Maschine. Er stellt die Inhärenz der Seele im menschlichen Körper fest und expliziert, dass unbeseelte Gegenstände nicht autonom mit ihrer Umwelt agieren könnten. Nach dieser Logik müssten künstliche Menschen, wegen ihrer zwar mechanisch oder elektronisch angetriebenen, aber dennoch autonom wirksamen Handlungen, als beseelte Wesen und schlussfolgernd als lebendige Geschöpfe in Betracht gezogen werden. Überdies plädiert die Schrift indirekt dafür, die Schaffenskraft des Menschen als Entwerfer einer Welt aus Kunst und Technik auf dieselbe Ebene wie jene der Natur als für alles Leben verantwortliche Instanz zu stellen.

Allgemein hegt der Mensch den Wunsch, „Unsterblichkeit“ zu erlangen. Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud [2], würde dieses Verlangen der Begrifflichkeit „Eros“ untergliedern. Darunter versteht sich eine Akkumulation jeglicher Triebe, die das Überleben eines Individuums und seiner Spezies sichern. Demgemäß würde der künstliche Mensch als Paradebeispiel für Unsterblichkeit gelten, er überwindet nämlich durch seine Beschaffenheit die natürliche Ordnung. Aus dem Grund, dass er keinen biologisch alternden Körper besitzt, entrinnt er der Vergänglichkeit, er bricht das Gesetz der Kausalität zwischen Leben und Tod. Die einzige Begrenzung seines irdischen Daseins fundiert somit auf der Materialität seiner Bestandteile und manifestiert sich durch den Umgang vom organischen Menschen mit seiner Schöpfung. Der künstliche Mensch wird in dem vorliegenden Kontext zu einer entpolarisierenden Instanz; er umgeht nicht nur den Akt des Sterbens, sondern auch jenen der Geburt. Mithin vereitelt er alle Formen des Schmerzes, ob körperlicher oder seelischer Disposition, und jegliche anderen „Flüche des Fleisches“, wie letztlich auch das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung, nach Fortpflanzung und das Streben nach einer relevanten Identität, nach Individualität und nach emotionaler Bindung.

Der künstliche Mensch besteht, gegenüber seinem organischen Ursprüngling, aus totem Material. Trotzdessen es sich hierbei also keinesfalls um ein lebendiges Wesen handeln kann, werden ihm diverse Attribute des Lebendigseins zugeteilt. Sehr wohl beruhen die meisten der in den letzten Abschnitten angeregten Punkte auf genau diesem Projektionscharakter.

Im Conficarium. Schleifpapierreste und getrocknete Farbtropfen zieren die Arbeitsflächen. Der Blick des Verrückten wandert an die Zimmerdecke.

„Wenn sich eines Tages die Maschinen mit der Tätigkeit vereinbaren, künstliche Menschen zu schaffen und diese der wissenschaftlichen Neugierde wegen zu untersuchen, so nehmen sie die Position des vergangenen Menschen ein. Sie werden zu den Erschaffern ihrer eigenen Erschaffer. Der Mensch ist eine Maschine, die Künstliches schafft, um sich zu dem Gott zu machen, der sich selbst erschuf. In diesem Fall weiß der Mensch jedoch nicht, dass er keine Maschine und auch dass Gott kein Erschaffer sein kann, sondern dass der Mensch das Fleisch seiner selbst sein muss.“

So wie die Marionetten, Puppen und Roboter als äußere körperliche Abbilder des organischen Menschen fungieren, so steht die Künstliche Intelligenz, vereinfacht ausgedrückt, stellvertretend für das Spiegelbild des menschlichen Gehirns. Inwiefern diese künstliche Black Box die Fähigkeit besitzt, Vernunft walten zu lassen, muss kritisch hinterfragt werden. Jedenfalls beschränken sich die Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz nicht nur auf die Veranlagung, logisches Denken und autonomes Lernen zu reproduzieren, sondern sie breiten sich auf das Abspeichern, Verwalten und Beeinflussen riesiger Datenmengen aus, sogenannten „Big Data“. Der Historiker Yuval Noah Harari liefert einen Blick in die mutmaßlich greifbare Zukunft; im religiös-ideologisch konnotierten „Dataismus“ bestehen alle Elemente, aus denen sich die Welt zusammensetzt, ausschließlich aus datenbasierten Informationen. [4] Mittlerweile absorbiert der Mensch täglich durch die Auseinandersetzung mit diversen Medien unübersichtliche Mengen an Daten – und sendet wiederum Daten an diese Netzwerke zurück, ob gewollt oder nicht. Es ist anzunehmen, dass der Wert der Daten jenen des Geldes, je nach Bezugsrahmen, bereits überflügelt hat. Dem Menschen als Individuum entgleitet die Kontrolle über seine privatgeglaubten Daten. Lediglich die wirtschaftlichen Unternehmen, die über den Speicher dieser Daten verfügen, können sich diese auch zunutze machen.

Die Datenspuren, die wir hinterlassen, könnten in Zukunft nicht nur unser Konsumverhalten und unsere Interessen lenken, sondern auch unsere biologischen Prozesse beeinflussen. Die Medizin ist bereits auf dem besten Weg, den Körper und die kognitiven Prozesse des Menschen zu entmystifizieren. Verbindet man hiermit nun die allgegenwärtige Datenverarbeitung, entsteht eine bemerkenswerte Symbiose; Computer können bereits mittels DNA-Analysen den Werdegang von Krankheiten voraussagen und die nötigen Gegenhandlungen präzisieren. Darüber hinaus könnte der Algorithmus anhand von den im System eingetragenen biometrischen Messungen, persönlichen Vorlieben und früheren Handlungen und Entscheidungen den idealen Partner einer jeden Person ermitteln.

Wird also das Leben künftig vorprogrammiert sein, wird es keine wundersamen Überraschungen und keine „freien“ Entscheidungen mehr geben? Werden Lösungen zu komplexen Fragen einfach von diesen künstlichen Hirnimitaten herbeigezaubert, ganz nach dem Prinzip Deus ex machina? Wenn wir davon ausgehen, dass alle alten Götter bereits vergangen sind und der Konsum und die Technologie sie von ihrem Thron gestoßen haben, lässt es nicht lange auf sich warten, bis eine Institution die „Macht“ zu ergreifen sucht. An deren Spitze muss ein Mensch stehen; in conclusio wird dieser Mensch, um es nun etwas deklamatorisch zu formulieren, in das Kostüm eines Demiurgen schlüpfen, eines gottgleichen Erschaffers, der die künstliche Spezies Maschine kontrollieren wird und er gleicherweise mithilfe dieser Maschinen zum Lenker aller anderen (von den Maschinen abhängigen) Menschen wird. Inwiefern wir uns heute diesem dystopisch angehauchten Szenario bereits angenähert haben, ist, aufgrund des rasanten und unkontrolliert erscheinenden Wachstums der Datenindustrie, für den Autonormalverbraucher unerschließlich.

Diese letzten Worte sollen jedoch keinesfalls paranoide Panik aus dem Munde irgendeines an die Wand geklatschten Teufels hervorbringen oder die heutige technologische Fortschrittlichkeit denunzieren, sondern lediglich zur reflexiven Identifikation mit der hiesigen Datenproblematik anregen. Hararis Fazit jedenfalls, um den Dogmen des Dataismus zu entweichen, besteht aus einem Appell an jeden Einzelnen, sich introspektiv mit sich selbst zu befassen, um sich besser kennenzulernen und um tiefere Einsichten zu erlangen, als die Big Data es je könnten.

Schließlich konnte auf unserer kurzen Erkundungsreise in die Themenfelder der Künste, der Historie, der Philosophie und der Zukunftsvision eruiert werden, dass der künstliche Mensch ein Wesen ist, das über den reinen Körper hinausgedacht werden muss. Es ist ein vielfach versinnbildlichtes Geschöpf, das keine kulturellen Demarkationen kennt und Gegensätze einander näherbringt, denn als besonderer Wanderer der Liminalität be- und überschreitet es die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung, zwischen Pragmatik und Kunst, zwischen Technik und Mystik und zwischen Leben und Tod.

Im Exitarium. Allmögliche Lämpchen und Schaltkreise flimmern durcheinander. Der von der Unverständlichkeit in die Schweigsamkeit gedrängte Besucher erblickt in der Ferne ein verloren geglaubtes Licht. Die letzte Erklärung des Verrückten.

„Der Mensch als Uhrwerk; unter der Macht und in der Gesellschaft wird er zur Maschine. Braucht er dies? Scheinbar brauchen es viele. Disziplin! Selbstkontrolle durch Kontrolle anderer über einen? Die Flucht in die Hierarchie als Glaube an die Einfachheit des Lebens. Wer sich lenken lässt, muss nicht denken, nicht direkt existieren, nichts auf sich nehmen, das schwerere Konsequenzen mit sich zieht. Als Teil eines größeren Dings fällt man weniger auf, man versteckt sich hinter- und in dem Unwichtigsein, wie ein kleines, unbedeutendes Zahnrad, ohne das der Apparatus zwar nicht so glänzend, doch immer noch funktioniert.“

Arbeiter der Fabrik strömen heran, umschlingen den Verrückten und zerren ihn von dannen. Der Direktor bittet den Besucher um Entschuldigung.

Niemals kann ein Verrückter je zum Inventar einer Menschenfabrik gehören!︎


Sven Bloes studied German literature and language. He writes down all kinds of things, be it prose or poetry, satire, essays or analyses of movies or texts. Sometimes, he shows tiny bits on here: https://www.instagram.com/zve_blo/

Die Zwischenpassagen in kursiv stammen aus selbst verfassten literarischen Skizzen.

[1] Liebert, W-A., Neuhaus, S., Paulus, D., Schaffers, U. (Eds.) (2014). Künstliche Menschen. Transgressionen zwischen Körper, Kultur und Technik. Film – Medium – Diskurs. Band 59. Würzburg: Königshausen & Neumann. 
[2] Freud, Sigmund. (1968) “Das Unbehagen in der Kultur.” In. Bibring, Edward / Freud, Anna / Hoffer, Willhelm (Ed.). Sigmund Freud. Gesammelte Werke. Band 14. Werke aus den Jahren 1925-1931. Frankfurt am Main: Suhrkamp.. [3]  La Mettrie, Julien Offray de. (2015) Der Mensch eine Maschine. In. Lücke, Theodor / Tetens, Holm (Ed.): La Mettrie. L‘Homme machine. Der Mensch eine Maschine. Stuttgart: Reclam. [4]  Harari, Yuval Noah. (2016) “On big data, Google and the end of free will.” In: Financial Times; online: https://www.ft.com/content/50bb4830-6a4c-11e6-ae5b-a7cc5dd5a28c

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