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Entry #4 02.11.2021

Über das maschinelle Bewusstsein und den Rattenmenschen

Christophe Rippinger

Illustration by Lynn Klemmer




Wird es jemals Maschinen mit einem Bewusstsein geben? Die Antwort auf diese Frage hängt in erster Linie vom Verständnis des Begriffs Bewusstsein ab. Wird dadurch der Geist eines Individuums bezeichnet, der eine Persönlichkeit entwickelt, mit Gedanken operiert und sich mit dem Sinn seines Daseins beschäftigt? Dann kann diese Frage bedenkenlos mit einem Nein beantwortet werden. Dies sind die Eigenschaften, die mit dem menschlichen Bewusstsein in Verbindung gebracht werden. Eine Maschine, die über ein solches Bewusstsein verfügen sollte, müsste als Kopie des Menschen konzipiert sein. Die Anfänge der Kognitionswissenschaft etwa sind von der Annahme geprägt, das Gehirn sei ein Computer und der Geist sein Programm. Damit lieferte die Kognitionswissenschaft das häufig benutzte Rezept für die Entwicklung von Künstlichen Intelligenzen, auf das man auch heute immer wieder stößt und sich aus einer doppelten Analogie zusammensetzt: 1) Das Gehirn ist der Maschine ähnlich. Daraus folgt, dass 2) eine Künstliche Intelligenz gelingen kann, wenn das Gehirn in die Maschine transferiert wird.

An dieser Stelle entwickeln sich die Vorstellungen in zwei verschiedene Richtungen. An dem einen Horizont erscheint dieses Vorhaben als utopisch und an dem anderen scheint es nur eine Frage der Zeit und des damit verbundenen technologischen Fortschritts zu sein. Die Frage, ob die Maschine irgendwann dem Menschen gleichen wird, scheint jedoch etwas müßig. So, wie die Sprache nie ins Bewusstsein gelangen kann, das heißt, konsumiert, verbraucht, verschlungen und wieder ausgespuckt werden kann, so wird es auch kein simuliertes, digitalisiertes menschliches Bewusstsein geben können. Dazu müsste man die Black Box Bewusstsein öffnen und die Bestandteile und Funktionsweisen reproduzieren. Nicht nur das, das menschenähnliche Bewusstsein müsste gar auf seine chemische Basis verzichten und stattdessen auf eine Basis aus Siliziumchips zurückgreifen.

Bewusstsein. Aber wie?

Interessant scheint viel mehr die Frage, welche Form das Bewusstsein einer Maschine annehmen könnte. Die Sprache ist freilich ein Medium, das eine mögliche Verbindung zwischen Mensch und Maschine darstellen könnte. Es wurden bereits Experimente durchgeführt, in denen Roboter miteinander kommunizieren mussten, um Probleme zu lösen. Dabei entwickelten sie eine eigene Sprache, die die Programmierer im Anschluss erstmal dechiffrieren mussten. Auch das kryptographische Paar Alice und Bob hat kommunikationstechnisch Erfolge zu verbuchen. Bei diesem Paar handelt es sich um maschinelle Systeme, die miteinander kommunizieren sollen, ohne dass ein drittes System, mit dem Namen Eve, mitlauscht. Das ist nach gut 15.000 Versuchen gelungen. Auch dem Menschen entging die Mitteilung, bekannt ist nur, dass sie auf der anderen Seite tatsächlich angekommen ist. Es ist also durchaus denkbar, dass wir mit Maschinen durch das Medium Sprache kommunizieren können. Und es ist ebenso denkbar, dass Maschinen untereinander kommunizieren, ohne dass eine dritte Partei (z.B. ein Mensch) dies mitbekommt. Aber womit operiert dieses vorsätzliche maschinelle Bewusstsein? Mit Gedanken, wie es beim Menschen der Fall ist?

Was ist Intelligenz?

Damit eine Maschine etwas wie ein Bewusstsein entwickeln kann, muss sie über eine gewisse Art von Intelligenz verfügen. Was bedeutet Intelligenz im Rahmen eines maschinellen Systems? Und inwiefern unterscheidet sie sich von der des Menschen oder von der von sozialen Systemen? Man kann auch fragen: Was unterscheidet eigentlich eine kollektive Intelligenz von einer Menschlichen? Organisationen beispielsweise erbringen Leistungen, die für das Funktionieren der modernen Gesellschaft notwendig sind. Aber auf wen ist diese Intelligenz zurückzuführen? Auf die Mitglieder der Organisation? Oder verfügt die Organisation über eine Art von virtueller Intelligenz, die lediglich von Menschen gereizt werden kann? Die Intelligenz liest sich am Vergleich eines Ausgangspunktes und eines Resultates ab. Eine geschnitzte Flöte beispielsweise ist das Resultat einer Leistung von Intelligenz. Auch die KI liefert Resultate, wenn man sie mit einem Problem konfrontiert. Dieser Argumentation folgend bedeutet Intelligenz nichts anderes, als etwas zu leisten. Künstliche Intelligenz ist sozusagen die Erbringung von Leistung auf maschineller Ebene. Diese Art von Intelligenz reicht allerdings nicht aus, um von einem intelligenten System mit Bewusstsein zu sprechen. Einer Organisation beispielsweise wird man ebenso wenig ein Bewusstsein zuschreiben wollen wie einem Algoritmus. Es muss also ein weiteres Element geben, das für die Entwicklung eines Bewusstseins unverzichtbar ist. Und bei diesem Element handelt es sich womöglich um den Körper.

Der Körper als materielle Voraussetzung von Bewusstsein

Der Konnektionismus verortet den Sitz der Intelligenz des Menschen nicht bloß im Gehirn, sondern im gesamten Körper. Die Verarbeitungszentrale liegt zweifellos unter der Schädeldecke, aber ohne den Körper gibt es nicht gerade viel, was das Gehirn zu verarbeiten hätte. Der Professor für kognitive Robotik Murray Shanahan sieht in der Verkörperung (embodiment) ein wesentliches Merkmal biologischer Intelligenz. Ist der Körper also der Schlüssel zur Entwicklung eines Bewusstseins für Maschinen? Natürlich, Rechner besitzen über ein Gehäuse, sind aber ausschließlich über dafür vorgesehene Schnittstellen mit ihrer Außenwelt verbunden. Was, wenn sie über sensorische Fähigkeiten verfügten und sich frei bewegen könnten?

Der Rattenmensch

Stellen wir uns vor, wir hätten eine Maschine, die über eine menschenähnliche Intelligenz verfügt und eine Ratte, die in etwa so klug ist wie ein Mensch. Maschine und Ratte würden dann verschiedene Leistungen erbringen können, zu denen auch ein Mensch fähig ist. Das würde es uns ermöglichen, die jeweiligen Leistungen auf ihre Intelligenz hin zu analysieren. Aber dadurch wird aus der Maschine kein Ebenbild des Menschen formbar werden. Genauso wenig wird es dadurch möglich sein, eine Ratte mit der Intelligenz eines Menschen zu formen. Eine Ratte ist eben auch eine Ratte, weil sie sich vom Menschen unterscheidet. Ausgenommen wäre der sogenannte Rattenmensch, als eine neue, hybridartige Lebensform, die Qualitäten beider Spezies vereint. Auf der anderen Seite hätten wir menschenähnliche Maschinen. Wo wäre ihr Bewusstsein zu verorten? Würde dieses sich hauptsächlich auf zellularer oder auf anorganischer Ebene befinden, oder würde es beide benötigen und den Körper als Ganzes umfassen? Und würde dabei die Maschine in den menschlichen Körper versetzt oder würde umgekehrt das Menschliche in die Maschine verpflanzt? Und welche Folgen hätte dies auf das Bewusstsein? Es könnten Identifikationsschwierigkeiten auftreten, bei denen Individuen sich weder der einen noch der anderen Spezies zugehörig fühlen. Diese Individuen könnten sich dann als Wesen einer Art Transspezies betrachten oder sich als eine ganz neue Art von Spezies oder Wesen betrachten. Aber das sind Probleme einer möglichen Zukunft, die nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit eintreten wird.

Murray Shanahan ist jedenfalls überzeugt davon, dass es bald möglich sein wird, künstliche Intelligenzen auf Mäuseniveau zu entwickeln. Die anschließende Frage ist, ob dann versucht wird, diese Intelligenz zu einer menschenähnlichen weiterzuentwickeln, oder ob man den Schritt geht, wieder von vorn anzufangen, um eine von Grund auf neue Intelligenz zu entwickeln, die die menschliche Intelligenz als Ziel anpeilt. Oder landen wir am Ende dennoch beim Rattenmenschen?︎

Christophe Rippinger, co-founder of Mnemozine, studies sociology at FernUni Hagen and is a writer and teacher. His latest novel, titled “Die Grenzen der Zeit : Die Zeit der Grenzen”, was self-published in 2021.



Baecker, D. (2019) Intelligenz, künstlich und komplex. Leipzig: Merve Verlag.

Lenzen, M. (2002) Natürliche und Künstliche Intelligenz – Einführung in die Kognitionswissenschaft. Frankfurt am Main: campus.

Sautoy, M. (2021) Der Creativity Code – Wie künstliche Intelligenz schreibt, malt und denkt. München: C.H. Beck.

Shanahan, M. (2021) Die technologische Singularität. Berlin: Matthes & Seitz.
 

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